10. 10. 2020, 19.00 Uhr
Janáček-Theater
| Autor: | Richard Strauss |
| Dirigent: | Balázs Kocsár |
| Regie: | Zoltán Rátóti |
Ungarische Staatsoper (Budapest)
Im Palast des galiläischen Tetrarchas Herodes bewachen die Soldaten eine Zisterne, in der der Prophet Jochanaan eingekerkert ist, der es wagte, Herodes und seine Frau Herodias ihrer Sünden zu bezichtigen. Naraboth, der Kommandant der Wache, beobachtet die Prinzessin Salome, eine Stieftochter des Herodes. Sie ist schön und seltsam. Vergeblich warnt ihn ein Diener, er solle nicht an sie denken. Salome kommt zur Zisterne. Sie ist der Feier überdrüssig, sie interessiert sich nicht für die ewigen Streite der Juden, es stört sie der lüsterne Blick ihres Stiefvaters. Nur die aus der Tiefe steigende Stimme zieht sie an. Sie will den Mann sehen, der mit seinen bloßen Worten Angst verbreiten kann. Sie überredet Naraboth, aus Liebe zu ihr Tetrarchas Gebot zu verletzen und Jochanaan zu ihr zu führen. Obwohl Jochanaan sie mit Kränkungen überschüttet, ist Salome entzückt und bietet ihm ihre Liebe an. Jochanaan verflucht sie. Als Naraboth Salomes Versessenheit auf den Propheten sieht, ersticht er sich mit seinem eigenen Dolch.
Auf die Terrasse kommen Herodes und Herodias. Herodes kann den Anblick von Salome nicht entbehren, und auch seine Frau kann ihn daran nicht hindern. Herodes wird von unheimlichen Vorstellungen geplagt, und Jochanaans Verwünschungen wecken in ihm Gewissensbisse. Herodias wünscht, dass Herodes den Propheten zum Schweigen bringen lässt. Salome ist alles gleichgültig, sie wird nur von der Liebe zu Jochanaan beherrscht. Vergeblich bietet ihr Herodes Wein und Obst an und bittet sie zu tanzen. Nur das Versprechen, dass er Salome jeden Wunsch erfülle, bewegt sie zum Schleiertanz. Nach dem Tanz fordert Salome ihre Entlohnung – Jochanaans Kopf auf einem Silberteller. Sogar Herodes ist von diesem Wunsch entsetzt; er bietet ihr seine Schätze und Juwelen an, aber Salome beharrt auf ihrer Entscheidung. Schließlich löst Herodes sein Versprechen ein. Als er aber sieht, wie leidenschaftlich Salome Jochanaans tote Lippen küsst, befiehlt er den Soldaten, diese Frau zu töten.
Dirigent: Balázs Kocsár
Regie: Zoltán Rátóti
Kostüme: Tordai Hajnal
Bühnenbild: Vörös Győző / Dobrosi Tamás
BESETZUNG:
Salome: Sera Gösch
Herodes: Jürgen Sacher
Herodias: Gyöngyi Lukács
Jochanaan: Károly Szemerédy
Narraboth: Dániel Pataky
Ein Page der Herodias: Viktória Mester
Erster Jude: István Horváth
Zweiter Jude: János Szerekován
Dritter Jude: Tivadar Kiss
Vierter Jude: Gergely Biri
Fünfter Jude: Bence Pataki
Erster Nazarener: Kolos Kováts
Zweiter Nazarener: Barna Bartos
Erster Soldat: Lajos Geiger
Zweiter Soldat: András Kiss
Ein Kappadokier: Ferenc Endrész
Das Ensemble der Ungarischen Staatsoper wird beim Festival Janáček Brno nicht zum ersten Mal dabei sein. Diesmal jedoch reist es nicht mit einer Janáček-Inszenierung an, sondern mit einer Oper, deren Entstehung in jene Zeit fällt, als Janáček an seiner stilistisch neuartigen Oper Schicksal schrieb. Ebenso wie Janáček mit Jenůfa und anschließend mit der Oper Schicksal beschritt auch Richard Strauss mit seiner Salome einen neuen Weg – den Weg zur Oper des 20. Jahrhunderts.
Mit der Entstehung von Strauss’ Salome verbindet sich eine Anekdote: Als Strauss im Jahr 1902 in Berlin ein Schauspiel des englischen Dramatikers Oscar Wilde besuchte, soll einer seiner Freunde zu ihm gesagt haben: „Das wäre doch ein Sujet für Sie!“ Worauf Strauss geantwortet haben soll: „Ich schreibe doch gerade daran…“ Es kann nicht verwundern, dass den Komponisten das aus dem Alten Testament stammende Sujet ansprach. Die dekadente Atmosphäre am Hofe des galiläischen Tetrarchen Herodes, der in einer inzestuösen Ehe mit der Frau seines Bruders lebt und auch noch seine Stieftochter Salome begehrt, bietet für eine Oper eine Reihe von expressiven Momenten.
Oscar Wilde hatte Salome ursprünglich für die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt geschrieben, die in dem Stück jedoch nie auftrat. Das Stück erschien 1893 in Paris im Druck und wurde noch in derselben Saison auf der Bühne aufgeführt. In Deutschland wurde Salome erst im Jahr 1901 erstmals gespielt, dafür jedoch mit großem Erfolg, konnte doch die Berliner Inszenierung von Regisseur Max Reinhardt in seinem Kleinen Theater nicht weniger als 200 Vorstellungen verbuchen. Richard Strauss lernte Wildes Schauspiel 1902 kennen, als ihm der österreichische Dichter Anton Lindner eine Kopie des Textes mit dem Angebot sandte, ihn für Strauss zu einem Opernlibretto umzuschreiben. Der Komponist zeigte Interesse, und Linder schickte ihm zur Anschauung umgehend seine Version der einführenden Szene. Im November 1902 jedoch besuchte Strauss eine Vorstellung in Berlin. Die deutsche Übersetzung von Hedwig Lachmann fand sein Gefallen, und er kam zu dem Schluss, dass es möglich sein sollte, direkt Wildes Text zu vertonen. Nach weitreichenden Studien und einer Unterredung mit Romain Rolland entschloss sich Strauss zur Kürzung und Vereinfachung einiger Passagen des ursprünglichen Bühnentextes. Mit dem Komponieren begann er nicht sofort, da er, trotz intensiver Beschäftigung mit dem Thema der Salome, zeitgleich an einem umfangreichen Orchesterwerk arbeitete – der Sinfonia domestica, welche er im Juli 1903 fertigstellte. Im folgenden Jahre reiste er zum Dirigieren in die Vereinigten Staaten. Im Zeitraum zwischen seiner Rückkehr und Juni 1905 entstand der wesentliche Teil von Salome. Er komponierte in jeder freien Minute neben seiner Dirigententätigkeit, und viele Musikwissenschaftler weisen darauf, dass trotz der allgegenwärtigen Gewalt in der Handlung der Oper die Handschrift der Partitur ruhig und sauber ist.
Als er Salome vollendet hatte, kontaktierte Strauss Ernst von Schuch aus Dresden, um ihm die Leitung der Premiere anzubieten. Er versicherte dem Dirigenten, das neue Werk würde keine so schweren Chöre wie seine Oper Feuersnot enthalten (was der Wahrheit entspricht, da in Salome überhaupt keine Chöre vorkommen). Die Hauptrolle und der Orchesterpart sind dagegen doppelt so schwer wie in jeder seiner früheren Opern. Bei den Proben kam es zu Problemen – bei der ersten Probe wollten sogar die meisten Sänger ihre Rollen zurückgeben. Schuch bat Strauss um eine Verschiebung der Premiere, doch der Komponist gab nicht nach, und so erlebte denn Salome am 9. Dezember 1905 in Dresden ihre Uraufführung. Der Erfolg war gewaltig, und obgleich sich die Kirche über die Amoralität der Oper entrüstete, fand das Stück rasch den Weg auf die übrigen deutschen Bühnen. Gustav Mahler schrieb an seine Frau, nachdem er Salome in Wien erlebt hatte: „Dies ist entschieden das Werk eines Genies, sehr stark und gewiss eines der wichtigsten Werke unserer Tage. Ein lebendiger Vulkan unter einem Haufen Schlacke, ein unterirdisches Feuer – und nicht bloß ein Feuerwerk!”
Mit dieser Oper reihte sich Richard Strauss unter die führenden Vertreter der musikalischen Avantgarde ein. Salome markierte eine deutliche Weiterentwicklung gegenüber seinen vorausgegangenen Bühnenwerken. Ihre Sprache ist viel abenteuerlicher, und sie bleibt bis heute eines der Meisterwerke der Oper des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist sie von der Interpretation her überaus anspruchsvoll, und so hängt ihr Erfolg allein von den gesanglichen und untrennbar damit auch von den schauspielerischen Qualitäten der Darsteller der beiden Hauptfiguren Salome und Herodes ab.
Autor: Patricie Částková